Die Stille nach dem Tod

Die Stille nach dem Tod

Sie hat vor Jahren ihren Mann verloren. Ein gutes Jahr nach der Hochzeit ist er in sein Gewächshaus gegangen und hat sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Seither lebt die Frau allein auf dem Hof. Keiner hat damit gerechnet, dass sie bleiben würde, doch sie ist nicht fortgegangen. Die Frau ist nicht mehr richtig jung und noch nicht alt. Als eines Tages ihr Körper zu erstarren beginnt und rebelliert, gibt sie eine Zeitungsannonce auf. Seither trifft sie sich regelmäßig mit Fremden, um mit ihnen eine Nacht zu verbringen. Ihr Körper gesundet. Wenn diese Fremden fragen, warum ihr Mann sich das Leben genommen hat, kann sie keine Antwort geben. Sie sucht die Antwort seit vielen Jahren. In den Nächten, in denen die Fremden in ihrem Bett schlafen, findet sie keine Ruhe. Sie backt Kuchen und geht durch das Haus, Runde um Runde. In dieser schlaflosen Nacht zieht das Leben mit ihrem Mann an ihr vorbei.

Ich habe den so kurzen wie intensiven Roman von Margriet den Moor in den frühen Morgenstunden in einer Küche zu lesen begonnen. Ich kochte mir den ersten Kaffee und schlug das Buch auf. Nach den ersten Seiten entdeckte ich, dass die Küche ein zentraler Ort in der Geschichte ist. Gibt es Lese-Zufälle? Dieses Buch sollte es also an jenem Tag sein. Und in der Tat ließ mich die Geschichte nicht los, als ich das Buch aus der Hand legte und die Sonne aufging. Die schlaflose Frau begleitete mich tagsüber und am Abend konnte ich es nicht erwarten, die restlichen Seiten zu lesen – selbstverständlich wieder in der Küche. 

Es ist schwer, sich dem Sog von Margriet de Moors Geschichten zu entziehen, so eindringlich beschreibt sie die Gefühle und Erlebniswelt ihrer Figuren. Die Schilderung der Einsamkeit, die die Frau nach dem Suizid ihres Mannes heimsucht, wirkt lange nach:

„Mein Instinkt sagte mir, dass dies der Anfang der tiefen Stille war, die mich in Zukunft umgeben würde. Man hatte mich wohlüberlegt mit ihr alleingelassen, wie mit einem fremden Tier, das bei mir eingedrungen war, eine Schlange oder ein junges, wildes Pferd, ich war nicht geschickt genug gewesen, es auszusperren und niemand käme auf die Idee, mir bei seiner Versorgung zu helfen. Bereits an jenem Samstag begann ich zu begreifen, dass ich mich dieser Stelle nach eigenem Ermessen würde nähern, dass ich sie würde zähmen und aufziehen müssen.“

Wie lebt man in der Stille, die der Tod den Hinterbliebenen bringt? Wie lebt man, wenn es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gibt? Die Geschichte der Frau, die sich in konzentrierter Ruhe um ihre körperlichen Bedürfnisse kümmert und den Grund für den Suizid ihres Mannes nicht finden kann, lässt mich bis heute nicht los. 

Und ich werde, nein, ich muss dieses Buch noch einmal in Gänze lesen, denn es enthält Hinweise und Spuren, ich als Leser offenkundig aufschlussreich fand, aber die die Frau nicht aufnimmt und die sie nicht verfolgt. Warum tut sie es nicht? Weil sie vielleicht die Wahrheit in Wirklichkeit nicht finden will? Habe ich mich getäuscht und die Spuren falsch gelesen? So wie die Frau nachts in ihrem Zimmer im Kreis geht und die Wahrheit zu ergründen versucht, kreisen meine Gedanken um diese Geschichte, aus der sich für mich als Leserin immer wieder neue Ebenen auftun. 

Ein kurzes großes Buch und ein Anlass, unbedingt öfter Margriet de Moor zu lesen.

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2018
ISBN 978-3-423-14668-5

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  • Beitrag veröffentlicht:15. Januar 2020
  • Beitrags-Kategorie:Romane

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