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This is a Man’s World

 „Trust“ hat im Englischen zwei Bedeutungen:  Es ist mit „Vertrauen“ zu übersetzen und zugleich der Terminus für eine finanzwirtschaftlich motivierte Rechtsbeziehung. „In God we trust“ steht auf der Ein-Dollar-Note. Ein zusammengerolltes Bündel dieser Dollars, mit einem Gummiband lapidar geschnürt, ist das Motiv auf dem Schutzumschlag von Hernan Diaz‘ jüngstem Roman. Es geht hier also um Geld, um weit mehr als nur um ein Bündel. Es geht um Milliarden von Dollars, die ein kongenialer Börsen-Tycoon im New York der Roaring Twenties durch gewiefte Transaktionen so geschickt anhäuft, dass ihm sogar der Zusammenbruch der New Yorker Börse zu exponentiellem Wohlstand gereicht. 

Der Titel der deutschen Übersetzung lautet „Treue“. Das Spiel mit der Doppeldeutigkeit funktioniert hier nicht. Das ist schade, denn „Trust“ bringt gerade die Ironie und Essenz des Romans auf den Punkt, die sich dem Leser auf den letzten Seiten erschließt, wenn es ihm gleichsam wie Schuppen von den Augen fällt. 

Bis dahin führt Hernan Diaz seine Leser durch ein fiktionales Labyrinth. Vier Stimmen erzählen eine Geschichte. Dass es sich um eine einzige Geschichte handelt, kann sich der Leser nach und nach erschließen. Den Auftakt bildet Harold Vanners Kurzroman „Verpflichtungen“, der mit pointierter Eleganz und schonungslos analytischem Blick vom märchenhaften Aufstieg des fast schon autistischen Börsen-Genies Benjamin Rask erzählt und von den sagenhaften Begabungen seiner nonchalant nach Unabhängigkeit strebenden Gattin Helen, einer Kunstmäzenin, deren Leben tragisch endet. Der zweite Text sind die mitunter fragmentarischen biographischen Aufzeichnungen des selbstgewissen Finanzmoguls Andrew Bevel, den sich Vanner augenscheinlich zur Vorlage für die Figur des Benjamin Rask gewählt hat. Im dritten Text erzählt die Schriftstellerin Ida Partenza rückblickend die Entstehungsgeschichte von Bevels Autobiographie, die sie als junge Frau für Bevel niedergeschrieben hat und mit der dieser einen Kontrapunkt zu der gefühlten Verunglimpfung durch Harold Vanner setzen wollte. Im vierten Text kommt schließlich die geheimnisvolle Mildred zu Wort, die früh verstorbene Ehefrau von Andrew Bevel.

Dieses Buch ist ein Vergnügen, denn das Spiel mit Fiktionalität macht immer Spaß. Wahrheit oder Lüge, Manipulation von Erinnerungen und Fakten – Diaz‘ Reigen von Protagonisten ist gelungen. Jeder Text ist spezifisch, hat eine individuelle Tonalität und ist deshalb glaubwürdig. Ich werde als Leser im Kreis herumgeführt und meine Vermutungen überschlagen sich:  Warum erzählen mir die Figuren ihre Geschichten und wem kann ich glauben? Was ist wahr, wer lügt? Bleibt am Ende der amerikanische Wahlspruch auf der Dollarnote die einzige Sicherheit? 

Im Klappentext vergleicht der Verlag den Roman mit einer Matroschka, der russischen Puppe in der Puppe in der Puppe. Dies passt auf inhaltlicher Ebene, denn mit jedem Text wird die Wahrheit einer großen Erfolgsgeschichte und einer eigentümlichen Paarbeziehung Schicht für Schicht offengelegt. Dieses Bild der russischen Puppe trifft aber auch auf struktureller Ebene zu, denn es ist zugleich ein Roman über das Erzählen einer Erzählung und das Erinnern einer Erinnerung. 

Allem übergeordnet ist „Treue“ ein starker Emanzipationsroman: Allen Frauen-Figuren – Helen, Ida und Mildred – gelingt es, sich souverän von der männlichen Fremdbestimmung durch Partner und Väter zu befreien. 

Dennoch: Nach der letzten Seite habe ich festgestellt, dass drängende Fragen offen bleiben. Das hat mich enttäuscht. Diaz‘ faszinierendes Spiel geht an einigen Stellen nicht auf. Welche es sind, sei hier nicht verraten. Doch mit der Distanz einiger Tage rückt diese Enttäuschung wieder in den Hintergrund und ich bin versöhnt, denn den größeren Nachklang hat die Freude am fiktionalen Taschenspiel. Diaz erzählt kunstvoll und mit großer sprachlicher Virtuosität eine gute Geschichte über Geld und Freiheit, die mir gefällt und die ich Euch überzeugt weiterempfehle.

Hernan Diaz: Treue
Aus dem Englischen von Hannes Meyer
Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2022
ISBN 978-3-446-27375-7

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  • Beitrag veröffentlicht:7. November 2022
  • Beitrags-Kategorie:Romane

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