Die Geschichte eines verschwundenen Ortes

Die Geschichte eines verschwundenen Ortes

Vier Mahnmale sind heute der einzige sichtbare Hinweis, dass nahe einer Lichtung in den ukrainischen Wäldern einmal der kleine Ort Trochenbrod existiert hat. Nichts ist von den Häusern und Straßen geblieben, in denen bis zu einem Spätsommertag im Jahr 1942 über 1200 Juden lebten. An jenem Tag wurden fast alle Bewohner dieses Schtetls von Deutschen ermordet. Nur einigen Wenigen gelang die Flucht oder sie überlebten durch reinen Zufall. So auch Leibel Safran, der auf dem Rückweg von einem Arbeitseinsatz erfuhr, dass alle Einwohner von Trochenbrod umgebracht worden waren, darunter auch seine Frau und seine kleine Tochter. 

Ethel Bronstein hatte bereits ein Jahr zuvor ihr Elternhaus in Kolky, einem anderen Schtetl unweit von Trochenbrod, fluchtartig verlassen, als die Deutschen einrückten, und war quer durch die Sowjetunion geflohen. Als die junge Frau 1944 zurückkam, berichtete man ihr, dass alle Juden umgebracht und in einem Massengrab verscharrt worden waren.

Ethel und Leibel sind die Eltern von Esther Safran Foer. Erst als Erwachsene erfährt Esther, dass ihr Vater vor ihrer Geburt schon einmal eine Familie hatte. Esthers Mutter erwähnt dies in einem Nebensatz und reagiert auf die vielen Fragen ihrer Tochter mit Schweigen. Leibel selbst war zu diesem Zeitpunkt längst tot. Er hat sich 1954 wenige Jahre nach seiner Einreise in die USA das Leben genommen. Auch sein Suizid ist ein Ereignis, das in der Familie Safran lange Zeit nicht thematisiert worden ist. Esther Safran Foer erinnert sich

„Ich war von Gespenstern umgeben aufgewachsen – verfolgt von Verwandten, über die man nur selten sprach, und von den Geschichten, die niemand weitergeben wollte.“

Esther beginnt die Geschichte ihrer Eltern und ihrer ermordeten Vorfahren zu erforschen. Sie möchte in Erfahrung bringen, wie jenes kleine Mädchen hieß, das ihre Halbschwester war und 1942 gemeinsam mit seiner Mutter erschossen wurde. Sie sucht Spuren der beiden verschwundenen Schtetl. In „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ beschreibt Esther Safran Foer, wie sie ihre Familiengeschichte ergründet hat – und wie diese Suche schließlich zu einem Familienprojekt geworden ist.

Am Anfang dieses Projekts steht der Besteller ihres Sohns Jonathan Safran Foer „Alles ist erleuchtet“.  Als Jonathan vor über zwanzig Jahren ein Thema für seine Abschlussarbeit suchte, schlug Esther ihm vor, in die Urkraine zu reisen und nach Trochembrod und jenen Menschen zu suchen, die einst Leibel Safran versteckten und diesem so das Leben retteten. 

Wie kann Erinnerung stattfinden, wenn die Vergangenheit ausgelöscht worden ist? Jonathan findet nichts – Trochenbrod ist spurlos verschwunden –  und so schreibt er einen Roman, in dem er Fiktion und Realität miteinander verknüpft und die Geschichte Trochenbrods und seiner Vorfahren virtuos neu erschafft. Er schickt seinen gleichnamigen Helden Jonathan und dessen ukrainischen Reiseleiter Sascha auf die Reise in die Vergangenheit. Die Mehrdimensionalität dieses Buches – Jonathans mystische Chronik Trochenbrods, Saschas Reisebeschreibung und dessen Briefe an den mittlerweile in die USA zurückgekehrten Jonathan – vergleicht Esther Safran Foer mit Rubik’s Cube:

„Es ist eine Fiktion, die auf einer möglichen Tatsache aufbaut, eingefasst von weiteren Fiktionen. Es ist ein überwältigender Zauberwürfel von einem Buch, das unsere Familiengeschichte auf den Kopf stellt und sogar mich ein wenig verwirrt.“

Jonathans Buch ist der maßgebliche Impuls für Esthers weitere Suche. Trochenbrod und die Geschichte der Familie Safran gewinnt an Aufmerksamkeit. Sie tritt mit Zeitzeugen in Kontakt, sie spricht erstmals über den Suizid ihres Vaters und reist schließlich 2009 mit ihrem Sohn Frank in die Ukraine, wo sie mit anderen Nachfahren von Holocaust-Überlebenden auf jener Lichtung steht, an der einst das verschwundene Schtetl lag: 

„Ich machte mich auf, um meine Vorfahren wissen zu lassen, dass ich sie nicht vergessen haben. Dass wir noch immer da sind.“ 

Die Bücher von Esther und Jonathan Safran Foer zu lesen fiel mir schwer. Die darin thematisierten und erinnerten Verbrechen erschüttern mich immer wieder aufs Neue. 

Am Ende angekommen, möchte ich dennoch wieder von vorn beginnen in diesem vielschichtigen Raum der Erinnerung, der immer wieder neue Fundstücke und Gedanken preisgibt. Die Lektüre dieser Bücher ist eine permanente Bewegung in Strukturen von Möglichkeiten und Erinnern. Esther und Jonathan Safran Foer dokumentieren mit ihren Texten den Schmerz von Erinnerungsarbeit und die generationenübergreifenden Folgen von Traumatisierung. Esther verweist auf den Begriff „Postmemory“ von Marianne Hirsch, wonach „Erinnerungen, mit denen man aufwächst, so affektiv übertragen werden, dass sie als eigenständige Erinnerungen wahrgenommen werden.“ Jonathan, Enkel von Holocaust-Überlebenden, thematisiert am Beispiel des fiktiven Trochenbrods den Umgang mit Erinnerungenslinie, die er mit Schnüren vergleicht: 

Doch am schwersten hatten es die Kinder, (…) Ihre Schnüre gehörten noch nicht einmal ihnen selbst, vielmehr wurden sie ihnen von den Eltern und Großeltern umgebunden – es waren Schnüre, deren anderes Ende nicht an irgendetwas befestigt war, sondern lose irgendwo in der Dunkelheit hing.“

Hinter dem Titel „Alles ist erleuchtet“ steht die der Vernichtung trotzende Idee, dass die Energie des Lebens unzerstörbar ist und die Zeit überdauert: „Aus dem Weltraum können Astronauten Menschen, die miteinander schlafen, als winzige Lichtpunkte sehen“, und so wird die Nacht des Jahres, in der sich die Vorfahren Jonathans in seiner erdachten Trochenbroder Chronik vereinigen, anderthalb Jahrhunderte später den Massenmord überstrahlen.

Esthers Buch endet mit der Erinnerung an die Beerdigung ihrer Mutter Ethel, der „Superheldin“ der Familie. Esthers Safran Foers Söhne haben die Enkel nach den Großeltern und Vorfahren benannt. Als die große Familie auf dem Friedhof vorfährt und alle aus ihren Limousinen aussteigen, sagte einer dieser Enkel angesichts der vielen Menschen, die sich zu Ehren Ethels versammeln: „Nimm das, Hitler!“

Dieses Erinnerungsprojekt der Familie Safran Foer ist voller Kreativität und Schmerz. Ich habe es als letztendlichen Triumph des Lebens und Feier des Überlebens gelesen – „dass wir immer noch da sind.“

Diese Bücher sind wichtig  – bitte unbedingt lesen, weiterempfehlen und verschenken. Gegen das Vergessen. 

Esther Safran Foer: Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2020
ISBN 978-3-462-05222-0

Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Fischer Taschenbuch 2005
GISBN 978-3-596-15628-3

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