König und Knecht

König und Knecht

Der elfjährige Edmund Hooper bezieht mit seinem Vater Joseph den Familienstammsitz Warings. Das Haus auf dem Land steht nach dem Tod des Großvaters leer. Der einst ansehnliche Grundbesitz der Familie ist nach und nach verkauft worden, die Blütezeit der Hoopers ist vorbei. Joseph Hooper konnte nie an die Erfolge seiner Vorfahren anknüpfen und ist sich dessen bewusst. Nun soll Warings für ihn und Edmund ein neues Zuhause werden. Der verwitwete Joseph hat durch eine Brieffreundschaft Helena Kingshaw kennengelernt. Um das Zusammenleben zu erproben, zieht Mrs. Kingshaw zunächst als Haushälterin nach Warings und bringt ihren Sohn Charles mit, der genauso alt ist wie Edmund. Wenn Charles nicht dank der Hinterlassenschaft seines verstorbenen Vaters im Internat ist, zieht der Junge mit seiner Mutter von einer Arbeitsstelle zur anderen. Nun hofft Mrs. Kingshaw darauf, bei Joseph Hooper eine sichere Zukunft zu finden.

„Ich wollte nicht, dass ihr herkommt.“ Dieser Satz steht auf einem Zettel, den Edmund aus dem Fenster zu Charles herunterwirft, als dieser mit seiner Mutter in der Einfahrt steht. Das Unheil nimmt seinen Lauf. 

Susan Hills früher Roman „I’m the King of the Castle” trägt in der Neuausgabe des Kampa Verlags den Titel „Wie tief ist das Wasser“. Edmund Hooper ist dieser König, ein Tyrann erster Güte, der keine Gelegenheit auslässt, Charles Kingshaw das Leben schwer zu machen. Charles versucht sich zu behaupten, prügelt zurück, doch er ist es schon zu lange daran gewöhnt, seinen Platz zugewiesen zu kommen. Er hat gelernt, sich zu fügen:

„Kingshaw schwieg. Er trat ein Stück zurück, Hoopers Gesicht lag jetzt im Schatten. Man hörte den Regen auf dem Dach. Er könnte Hooper ruhig reinlassen. Er würde doch irgendwie reinkommen, entweder kämpfen oder einfach stundenlang da sitzen bleiben. Er schätzte seine Chancen Hooper gegenüber nicht sehr hoch ein. Oder gegenüber sonst jemandem Er war nicht feige. Nur realistisch, hoffnungslos. Er beugte sich den Menschen gegenüber nicht, er ging nur von vornherein davon aus, dass er besiegt werden würde. Das bedeutete, dass es für ihn keine Überraschungen oder Enttäuschungen gab.“

Die Erwachsenen bewerten die Auseinandersetzungen als kindliche Zankereien und bieten ihnen keinen Einhalt. Charles sieht für sich nur einen Ausweg: Eines Tages läuft er fort und flieht in den Wald, um der Zukunft, die ihn auf Warings erwartet, zu entkommen. Doch seine Freiheit währt nicht lange, denn Edmund folgt ihm. 

Dieser Roman – erschienen im Jahr 1970 – ist ein Kammerspiel seelischer Grausamkeit. Die Handlung ist irgendwann in den späten Sechzigern anzusiedeln, doch zeitliche Bezüge sind rar. Das Geschehen ist auf das Duell der Kinder fokussiert und steht als solches für sich.

Schon nach wenigen Seiten ist klar, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Zu perfide sind die Winkelzüge von Edmund Hooper, zu stark ist die Konditionierung von Charles Kingshaw, der Macht zu weichen. Die Erwachsenen sind darauf fokussiert, endlich ihren Platz im Leben zu finden. Ihre biederen Konventionen verhindern Empathie. Man friert regelrecht angesichts des Unvermögens, elterliche Wärme zu zeigen. Kinder sind  Randfiguren, deren Funktionieren vorausgesetzt wird. Die Siebzigerjahre haben noch nicht begonnen und ein reformiertes Verständnis von Erziehung muss erst Einzug halten.  Gehorsam und Disziplin sind das Dogma. Weder Helena Kingshaw noch Joseph Hooper haben gelernt, diees anzuzweifeln. Und so verschließen die Erwachsenen die Augen vor dem Drama, das seinen Auftakt nimmt.

Dass es Kinder sind, elfjährige Jungen, die sich hier bekriegen, ist für mich im Lauf der Geschichte fast in Vergessenheit geraten. Schon bald ist nur noch von „Hooper“ und „Kingshaw“ die Rede. Zu sehr erinnern die beiden an feindliche Soldaten im Kampf. Die Stärke dieses Romans ist die intensive Ausleuchtung beider Charaktere, die nahezu alterslos erscheinen. Susan Hill seziert das Innenleben der Figuren prägnant, mitunter erschütternd:

„Kingshaw dachte, Hooper hat keine große Erfahrung im Schikanieren. Er probiert es aus, er lernt es erst. Weil er nicht wie die üblichen Leuteschinder war, die er in der Schule kennengelernt hatte. Mit denen konnte er fertig werden, sie hatten einfache, durchsichtige Gedanken. Und überhaupt kümmerten sie sich selten um ihn. Er hatte Mittel, mit ihnen zurechtzukommen. Aber bei Hooper kannte man nichts voraussagen. Er war zu schlau, zu erfinderisch.“

Der Roman ist zu einer Zeit entstanden, als der Begriff „Mobbing“ noch nicht im Fokus der Allgemeinheit stand. Dennoch zeigt er systematisch auf, wie Mobbing funktioniert, wie Täter und Opfer denken und agieren und wie die Weichen für die Eskalation gestellt werden. Die Lektüre ist so beklemmend wie fesselnd. Eine klare Leseempfehlung für Menschen von 12 bis 99!

Susan Hill: Wie tief ist das Wasser
Aus dem Englischen von Ellen Krahe
Kampa Verlag 2020
ISBN 978-3-311-24001-3

1994 bereits unter dem Titel „Wieviel Schritte gibst du mir?“ im Klette-Cotta Verlag erschienen.

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