Ein Leben in Island

Ein Leben in Island

  • Beitrag veröffentlicht:21. November 2019

1828 wurde auf Island das letzte Mal die Todesstrafe vollstreckt. Agnes Magnúsdóttir, als Möderin verurteilt, starb durch das Beil. Nach ihrer Verurteilung verbrachte sie die Zeit bis zur Hinrichtung als Magd im Haus eines Amtsmannes und seiner Familie im Norden Islands, ein junger Geistlicher leistete ihr Beistand. 

Agnes erzählt dem Geistlichen ihr Leben, und weil ein isländischer Hof dieser Zeit nur aus einem einzigen großen Raum bestand, wird die ganze Familie des Amtsmannes Zeuge des Berichts. Stand man Agnes zunächst mit Skepsis und Ablehnung gegenüber, wächst sie schon bald in die Familie hinein. Angesichts von Agnes‘ Erzählungen wird dem Leser und ihren Zuhörern in diesem Roman bald bewusst, dass die Wahrheit nicht die ist, die das Gericht festgestellt hat.

Die Australierin Hannah Kent hat auf Island gelebt und die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir recherchiert. Das Buch wurde ein Bestseller und die Orte, an denen sich diese wahre Begebenheit abgespielt hat, wurden auf Island zu einer touristischen Attraktion.

Im Original heißt das Buch „Burial Rites“. Dieser Titel bringt das zum Ausdruck, was mich an dem Roman am meisten bewegt hat: Die Beschreibung von Agnes‘ Weg zu ihrer Hinrichtung und die Begleitung, die sie bis auf die letzten Schritte von Menschen erfährt, die in ihr zunächst nur die verurteilte Mörderin sehen, aber dann, als sie ihr Auge in Auge gegenüber stehen, ihe Beweggründe erahnen und an der Gerechtigkeit des Urteils zu zweifeln beginnen.

Das Buch erzählt von den Lebensbedingungen im Island des 19. Jahrhunderts, von der unerbittlichen Kälte und beständigen Nässe, von körperlichen Strapazen, die für uns heute kaum vorstellbar sind. Die Lebensgeschichte von Agnes, als mutterloses Kind, Magd, Heimatlose berührt. Ihr Handeln wird für mich nachvollziehbar und trotz besseren Wissens habe ich bis zur letzten Seite gehofft, das Agnes der Tod erspart bleibt.

Lest dieses Buch, denn es erzählt viel über Island, über die Fragwürdigkeit schnell gefundener Urteile und es erzählt – auch das finde ich im Leben wichtig – vom Sterben als solches.

Hannah Kent: Das Seelenhaus
Droemer Knauer Taschenbuch 2015
ISBN 978-3-426-30484-6

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