„Bete für mich. Deine Lene“

„Bete für mich. Deine Lene“

Köln im Frühjahr 1942. Lene Meister arbeitet im Friseursalon von Madame Céline und ihr ganzer Stolz ist eine neue Erika-Schreibmaschine. Sie nutzt jede Gelegenheit, um darauf Briefe an ihre beste Freundin Rosi zu schreiben, die in Detmold Schutz vor den nächtlichen Bombenangriffen sucht. Und Lene schreibt ihrem Bruder Franz, der als Wehrmachtssoldat in Russland ist.  Lene berichtet von ihren Alltagssorgen, von den Bombennächten und von der Verfolgung ihrer jüdischen Nachbarn: Frau Liebigmann kommt seit einiger Zeit nicht mehr in den Friseursalon, um Madame Céline keinen Ärger zu machen. Die Liebigmanns  wohnen nun in einem so genannten Judenhaus. Seit Frau Liebigmann weiß, dass ihr Mann und ihr Sohn „auf der Liste für die Fahrt in den Osten stehen“, sind ihr alle Haare ausgefallen. Madame Céline macht aus den ausgefallenen Strähnen eine Perücke, die Lene heimlich ins Judenhaus bringt. Auf dem Weg begegnet sie Erich. Ihre Sorge, dass er sie verraten könnte, verfliegt bald. Erich ist anders als die anderen Jungen: Er trifft sich mit seinen Freunden im Volksgarten, sie tragen Lederhosen, spielen Gitarre, singen, haben Spaß – und Geheimnisse. Einige Monate später werden sie die von der Gestapo als Schimpfnamen genutzte Bezeichnung übernehmen und sich „Edelweißpiraten“ nennen. Lene wird eine von ihnen sein:

„Ja, wir sind die Edelweißpiraten oder besser gesagt: Die Gestapo und die Herren bei Gericht und vom Streifendienst, die nennen uns alle so, weil sie in uns ‚verkommene Subjekte‘ sehen (genau so stand es in der Zeitung). Kriminelle, die sich wie die Piraten mit ihren Schiffen am Volkseigentum bereichern, ein gesetzloser und vogelfreier Haufen.“

Frank Maria Reifenberg erzählt die Geschichte von Lene, Erich, Rosi und Franz als Briefroman. Thema und Gattungsbezeichnung machten mich neugierig, als ich vor dem Jugendbuchregal stand, und ich habe mich in der Buchhandlung regelrecht festgelesen. Eigentlich war ein Einkaufszettel abzuarbeiten, hundert Dinge des Alltags waren zwischen Büro und Tagesschau zu erledigen und ich war vermutlich wieder einmal von allem sehr gestresst. Dann traf ich Lene.  

Der Autor betont in seinem Nachwort, dass es sich bei seinen Helden um fiktive Figuren handelt. Die Kölner Edelweißpiraten gab es hingegen wirklich. Zahlreiche Handlungsstränge und Charaktere hat Reifenberg aus Zeitzeugenberichten und seiner eigenen Familiengeschichte übernommen und in die Geschichte von Lene und ihren Freunden eingebaut. Reifenberg erklärt, dass ein Briefwechsel in dieser Form in der Realität nicht hätte stattfinden können, ohne dass die Briefschreiber Zensur und Denunziation zum Opfer gefallen wären. Dieser Hinweis ist wichtig, schmälert aber nicht den Gehalt des Romans und die Aussagekraft der Briefe: Sie sind in diesem Buch ein Medium, das Jugendlichen im Jahr 1942 eine authentische Stimme gibt.

Lene bekommt von Frau Liebigmann bei ihrem Besuch im Judenhaus das Buch „Vom Winde verweht“ geschenkt. Die Geschichte von Scarlett O’Hara zieht das Mädchen in seinen Bann und sie träumt sich in die Unbeugsamkeit und den Trotz der Südstaaten-Heldin hinein. Einen Brief an Rosi unterschreibt Lene als „Scarlett aus Nippes“. Doch nach dem verheerenden Luftangriff auf Köln am in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai ist in Lenes Leben für Träume kein Platz mehr. Sie schenkt den Durchhalte-Parolen der NS-Doktrin keinen Glauben mehr. Das Unrecht, dass um sie herum geschieht, nimmt das Mädchen schon lange wahr:

„Beim besten Willen kann ich nicht erkennen, warum der Jude der Untergang unseres Volkes sein soll. Vielleicht bin ich aber auch zu dumm dafür, eine Frisöse, nicht studiert, ja, nicht einmal ein Reifezeugnis. Wenn alle anderen (fast!) an die große Sache glauben, muss man es wohl auch tun, das scheint den meisten Leuten ein Gesetz zu sein. So als könnten so viele Menschen nicht irren. Warum eigentlich nicht?, frage ich da nur.“

Rosi verfolgt Lenes Tun mit größter Sorge, nachdem sie wegen Lenes Äußerungen bereits in Schwierigkeiten geraten ist. Lenes jüngerer Bruder Kalli ist überzeugter Hitlerjunge und wird für sie als solcher zur Gefahr. Der ältere Bruder Franz berichtet ihr von den Kriegsgräueln an der Ostfront und sorgt sich um die Familie in Köln. Er bestätigt Lene, was die Mutter lange verheimlicht hat: Der Vater ist im KZ ermordet worden, weil er Kommunist war. Lenes Mutter ist immer weniger handlungsfähig, Lene übernimmt die Sorge für die noch verbliebene Familie, kann aber nicht verhindern, dass die kleinen Schwestern zu Verwandten gegeben werden, weil ihre Versorgung anders nicht gesichert werden kann. Erich ist Lenes Glück und die Liebe der beiden zueinander wächst, auch wenn Erich Köln mittlerweile verlassen hat, um möglichen Repressalien zu entgehen. 

Ende 1942 wurden die Kölner Edelweißpiraten von einer Verhaftungswelle überrollt. Der letzte Brief hat mich lange innehalten lassen. An dieser Stelle wird sein Inhalt nicht vorweggenommen. Das Ende, das Frank Maria Reifenberg gewählt hat, lässt mich als Leserin meine Heldin Lene noch eine Weile mit mir tragen und über offene Fragen nachdenken. Kein gutes Ende, aber ein nachhaltiger Schluss. Es folgt das Nachwort des Autors und ein Text von Martin Rüther, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, der einen Überblick zur Geschichte „unangepasster Jugendlicher im Dritten Reich“ gewährt. Diese Jugendgruppierungen, darunter die Edelweißpiraten, beugten sich nicht dem militärischen Drill der NS-Jugendorganisationen und der dort praktizierten Geschlechtertrennung. Das Buch erinnert an diese mutigen Jungen und Mädchen :   

„Eines Tages wird bestimmt jemand fragen, was du und ich und der Erich und all die anderen getan haben, als wir gesehen haben, was sie mit den Menschen anstellen. (…) Wir brauchen sie gar nicht, unsere Feinde, um alles zu zerstören. Das tun wir doch selbst ganz unvergleichlich gut.“

Frank Maria Reifenberg: Wo die Freiheit wächst
Briefroman zum Widerstand der Edelweißpiraten
arsEdition GmbH 2019
ISBN 978-3-84582274-7

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