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„Eines Tages kommt jemand und bringt mich um“

England im Sommer 1976: Ruth Gilmartin stellt mit Sorge fest, dass ihre Mutter Sally eigenartig wird. Die alte Dame stellt sich krank und beobachtet unablässig den nahen Waldrand, als drohe ihr von dort eine unbekannte Gefahr. Befürchtet Sally zu recht, dass sie beobachtet wird, dass ihr sogar jemand nach dem Leben? Eines Tages bekommt Ruth von ihrer Mutter ein Manuskript ausgehändigt, das den Titel „Das Leben der Eva Delektorskaja“ trägt – mit dem lapidaren Hinweis, dass sie, Sally Gilmartin in Wirklichkeit eben diese Eva Delektorskaja ist. 

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird die junge russische Emigrantin Eva vom britischen Geheimdienst angeworben. Sie zögert nicht lange, nachdem sie erfährt, dass ihr verstorbener Bruder nicht wie behauptet bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, sondern ebenfalls Agent war und von Faschisten ermordet worden ist. Eva absolviert ihr Ausbildung zur Geheimagentin mit Bravour. Sie reist quer durch Europa, lernt zu täuschen, übt das Überleben in der Wildnis und bekommt Routine darin, ihre Identität von einem Moment zum anderen zu wechseln. Ihr Kontaktmann ist der smarte Lucas Romer, mit dem sie eine Affäre beginnt – und in den sie sich wider besseres Wissen verliebt, denn Romer hat Eva eingebleut, niemals jemandem zu vertrauen. Evas Aufgabe ist es, Falschmeldungen in Umlauf zu bringen, um den Kriegseintritt der USA zu forcieren. Daher soll Eva durch gezielte Nachrichten-Manipulation die USA glauben lassen, dass Nazi-Deutschland bereits See-Manöver an der südamerikanischen Küste durchführt und Invasionspläne schmiedet. Als eine geheime Aktion eskaliert, muss Eva feststellen, dass sie instrumentalisiert worden ist und jemand ein falsches Spiel mit ihr treibt.

William Boyd erzählt in seinem Roman „Ruhelos“ eine große Spionagegeschichte. Ohne vordergründige Effekte und holzschnittartige Gut-Böse-Strukturen gelingt es Boyd den Leser leise und elegant zu unterhalten und vor allem solide Spannung zu erzeugen. Der Leser folgt dem Geschehen in zwei Handlungssträngen: Anhand des besagten Manuskripts wird die Geschichte der jungen Agentin Eva Delektorskaja erzählt. Die Rahmenhandlung stellt die alte Eva alias Sally Gilmartin und ihre Tochter Ruth in den Mittelpunkt. 

Hier wie dort verhandelt Boyd die Themen Identität und Vertrauen: Wer bin ich und wer bist Du? Damit schafft er eine zweite Ebene, die der Spannungshandlung übergeordnet ist und die diesem Roman eine nachhaltige Substanz gibt. Eva Delektorskaja hat nie wieder gelernt, einem Menschen zu vertrauen. Auch als Sally Gilmartin wird sie für ihre Tochter Ruth in letzter Konsequenz ein Rätsel bleiben, das sich niemals vollständig zu erkennen gibt. Ruths Geschichte ist ihrerseits voller doppelter Böden und jeder Protagonist wird vom Leser im Lauf der Lektüre mindestens einmal hinterfragt. Was hat es auf sich mit Ruths undurchsichtigem Schwager Ludger und seiner Freundin? Führen beide tatsächlich ein Doppelleben als RAF-Mitglieder?

Boyd spielt mit Schein und Sein, er spielt mit seinen Figuren und mit seinen Lesern. Er lässt Fragen unbeantwortet, führt einige Erzählstränge nicht zu Ende und lässt uns als Leser mit der Frage nach dem Warum auf der letzten Seite zurück. Sorgfältig komponierte literarische Unterhaltung – und mit Sicherheit nicht mein letzter Roman dieses Autors.

William Boyd: Ruhelos
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
Kampa Verlag AG 2022
ISBN 978-3-311-15029-9

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  • Beitrag veröffentlicht:13. Oktober 2022
  • Beitrags-Kategorie:Romane

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